Übersetzung der New York Times, 15. April 1912, Frühausgabe, Titelseite
OZEANLINER TREFFEN AUF RIESIGES EISFELD
CARMANIA schafft es hinaus und bringt Nachricht vom Hilferuf der NIAGARA
BEPLANKUNG VON LETZTERER AUFGEPLATZT
Vollgetakeltes Schiff und eine Fischerschmack gefangen im Eis – Kapitän Dow zählte 25 grosse Berge.
Ein grosses Eisfeld, in welchem viele Eisberge sind, einige von ihnen gross wie echte Berge, und von dem man weiss, dass drei Ozean-Dampfschiffe beschädigt worden sind, und mindestens ein vollgetakeltes Schiff und eine Fischerschmack eingeschlossen sind, driftete in die transatlantische Schiffsroute in westlicher Richtung, etwa 1.000 Meilen östlich von Sandy Hook. Der Cunarder Carmania, der gestern aus Liverpool ankam, fuhr in das Eisfeld. Obschon das grosse Schiff ohne Beschädigung rauskam, befand es sich nichtsdestotrotz in Gefahr, als es im Eisfeld war, und alle atmeten auf, als das Schiff die Eisberge hinter sich liess.
Der französische Dampfer Niagara aus Le Havre fuhr etwa zur selben Zeit wie die Carmania ins Eisfeld, hatte aber nicht so viel Glück wie die Carmania. Der Niagara, die heute Morgen hier hätte eintreffen sollen, wurden zwei Löcher in den Rumpf geschlagen, und viele Rumpfplatten waren verbeult und verbogen. Ihr Kapitän beurteilte den Zustand des Schiffes zwischenzeitlich als so ernst, dass er per drahtloser Telegraphie die Carmania um Hilfe bat. Die Carmania war auf dem Weg, um Hilfe zu leisten, als eine zweite Meldung eintraf, dass die Niagara wieder soweit geflickt sei, dass sie ohne Hilfe weiterfahren könne.
Seit einer Woche bedeckt das Eisfeld vor den Neufundlandbänken die Route der Schiffe, die gegen Westen fahren. Neben der Carmania und der Niagara berichteten auch die Dampfer Excelsior, Kura und Lord Comer nach ihrer Ankunft in New York, wie auch die Armenian, die in Boston einlief, vom Kampf mit dem Eis. Die Lord Comer und die Kura wurden unterhalb der
Wasserlinie beschädigt. Der Kura wurden etwa 25 Rumpfplatten aufgerissen, während bei der Lord Comer etwa dieselbe Anzahl verbeult oder sonstwie beschädigt wurde. Die Armenian berichtete, dass das Eisfeld mindestens siebzig Meilen lang und halb so breit war, als sie ihm begegnete.
Die Carmania hatte 1.400 Passagiere, davon 400 in der Ersten Klasse. Sie fuhr am letzten Donnerstag um etwa 13.30 Uhr in das Eisfeld hinein. Laut Angaben der Passagiere gab es überall Eis, die grossen Stücke waren so nah zusammengedrückt, dass es unmöglich war, zwischen ihnen Spalten zu sehen. Eine starke Dünung setzte zu dem Zeitpunkt ein, und die Passagiere beschrieben die Auf-und Abbewegungen des Eises als wunderschön und unheimlich zugleich. Die Sonne schien hell, und das Glitzern des Eisfeldes machte das Spektakel noch grossartiger.
Hilferuf der Niagara aufgefangen.
Für drei Stunden war die Carmania im Eismeer, und zeitweise gab es, so weit das Auge reichte, nichts zu entdecken als Eis, hier und dort gab es einen grossen Eisberg, der das eintönige Bild etwas lockerte. Ein Eisberg wurde als grosser Kreideberg beschrieben; einer der Passagiere sagte, dass er 40.000 Tonnen groß gewesen zu sein scheint. Darauf angesprochen erklärte Kapitän Dow, dass die
Schätzung des Passagiers viel zu konservativ sei und fügte lachend hinzu: «40 Millionen Tonnen kämen dem schon näher.» Es war etwa 15 Uhr, als die Carmania den kreidefarbenen Berg passierte. Sie fuhren in einer Entfernung von etwa 400 Meter daran vorbei, und die Passagiere waren sich einig, dass sie noch nie etwas schöneres gesehen hätten. Auffallend in der Flotte von 25 Bergen war ein weiterer grosser Eisberg, der oben so flach war, dass man den Eindruck gewinnen konnte, er sei so eben wie ein Billard-Tisch. Die 25 Berge verteilten sich auf einem relativ kleinen Gebiet, alle waren die ganze Zeit von der einen oder anderen Seite des Schiffes sichtbar. Majestätisch reihten sich sechs von ihnen am Horizont auf. Andere waren jedoch nur ein paar hundert Meter entfernt als die Carmania sie mit „Kriechgeschwindigkeit“, wie es im offiziellen Log heisst, passierte.
Kapitän Dow verliess in diesen Stunden auch nicht eine Sekunde lang die Brücke, während er den richtigen Weg durch das Eis suchte. Die Hörner des Liners ertönten konstant, um Schiffe in derselben Situation zu warnen. Es wäre für ein Schiff in der Grösse der Carmania problemlos möglich gewesen, sich in Hörweite aufzuhalten, aber durch einen grossen Berge verdeckt zu sein.
Fräulein Claudia Sturm, eine der jungen Passagierinnen der Carmania, sagte gestern, dass sie noch nie so etwas grossartiges und inspirierendes gesehen habe wie das grosse Eisfeld und die grossen Berge mittendrin. „Es war wunderschön“, meinte sie, „aber auch furchterregend. Das Auf und Ab des Eises wegen den grossen Wellen war ehrfurchtgebietend, und ich war froh, als wir zurück im Wasser waren, ohne Eisfelder und Eisberge.“
1.000 Passagiere auf beschädigtem Liner.
Die Carmania war immer noch im Eis, als die Funk-Botschaft vom französischen Liner Niagara einging. Darin meldete der französische Skipper, dass zwei Löcher unterhalb der Wasserlinie in die Niagara geschlagen wurden. Die wegen des Eisfelds zur Kursänderung gezwungene Carmania nahm Kurs auf die Niagara, als ein zweites Telegram eintraf, das besagte, dass der Liner ohne Hilfe weiterfahren könne; man denke, dass die Crew den Schaden ohne fremde Hilfe beheben könne. Andere Passagiere sagten aus, dass es eine Nachricht gab, dass bereits ein anderer Liner bei der Niagara sei.
Nachdem die Carmania angedockt hatte, stellte sich Kapitän Dow den Fragen der Reporter und meinte lächelnd: „Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben so viel Eis und so wenig Whisky und Limettensaft auf einmal gesehen. Hätten wir die Zutaten zur Hand gehabt, es hätte für jeden Mann der Welt einen Whisky Soda gegeben.“
„Ich fuhr in das Eisfeld“, sagte der Skipper weiter, „auf einem südwestlichen Kurs, doch als ich die Ausmasse des Feldes sah versuchte ich, eine nordwestliche Passage zu finden, um dort rauszukommen. Da ich keine fand, war ich gezwungen, nordöstlich zu fahren, um aus dem Eis zu kommen. Mit anderen Worten, es war nötig, ein Stück zurückzufahren auf dem ursprünglichen Kurs.“
„Das Eis war überall um mich herum und bewegte sich wellenförmig und kratzte an uns. Immer wieder fuhren wir über „Groller““ (engl.: „growlers“)
„Was ist ein ‚Groller‘?“, wurde Kapitän Dow gefragt.
„Das ist ein Stück Eis, das sich von einem Berg oder oder von einer größeren Scholle gelöst hat, und das dann, wenn es gegen die größeren Eisstücke schlägt, so klingt, als wäre da Donnergrollen.“
„Und was war mit diesem Plateau-Berg, von dem die Passagiere erzählen?“, war eine andere Frage an den Skipper.
„Ja, das stimmt, es war ein wundervoller Anblick, und als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich für einen Moment, es handle sich um den Rumpf eines Schiffes, aber als wir ihn passierten, sah ich die grünliche Reflektion, und das räumte natürlich meine Zweifel aus“, antwortete er.
„Am Donnerstag Nachmittag“, fuhr Kapitän Dow fort, „passierten wir in 3 Stunden 25 Berge. Die Passagiere haben noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Auf der Brücke bin ich 70 Fuss über dem Wasser, und doch habe ich manchmal nichts als Eis gesehen, und nie habe ich ein Stück Eis gesehen, das kleiner war als ein Rettungsboot. Wir passierten ein geriggtes Schiff im Eisfeld. Es trieb in der Dünung auf und ab, war aber offensichtlich nicht in Gefahr.“
Bald nach dem Segelschiff passierte die Carmania ein Fischerschmack, das wie der grosse Segler im Eis gefangen war und mit der Dünung schaukelte. Als die Carmania vom Eis klarkam, fuhr sie in dichten Nebel. Sie musste beinahe ganz stoppen. Der Nebel lichtete sich bald, und der Dampfer fuhr mit Höchstleistung Richtung New York, wo er mit nur ein paar Stunden Verspätung einlief.
Die Niagara hat vermutlich 1.000 Passagiere an Bord. Bei ihrer letzen Reise auf dieser Route brachte sie 976. Die Excelsior lief gestern aus Rotterdam hier ein und berichtete von einem ähnlichen Erlebnis mit dem Eis wie die Carmania. Auch sie sah ein Segelschiff, das im Eis unterwegs war. Man geht davon aus, dass dies dasselbe Schiff ist, das die Carmania gesehen hatte.