Auf der Brücke der Titanic am 14. April 1912

Nach einem Vortrag auf der Jahreshauptversammlung des Deutschen Titanic-Vereins

© Susanne Störmer, 2008 – Erstveröffentlichung im Navigator Nr. 2, 12 Jahrgang, als Teil des Textes „Die letzte Wache“

 

Auf der Titanic hatte Kapitän Smith bereits am späten Nachmittag das Nachtwachenbuch fertig geschrieben und neben der Anweisung, die Kursänderung auf einen südwestlicheren Kurs später als geplant vorzunehmen, den Befehl erteilt, nachts nach Eis Ausschau zu halten. Auch dem Ausguck wurde diese Anweisung bei der Ablöse um 18 Uhr eingeschärft. Allerdings sagte der Ausguckmann Hogg aus, dass die Anweisung „Halte Ausschau nach Treibeis“ seiner Meinung nach ein Scherz im Krähennest war, nachdem er vor dem britischen Untersuchungsausschuss von der Wachübergabe berichtete [7]

19:00 – 19:30 Uhr

Um 19 Uhr löst der 1. Offizier Murdoch den 2. Offizier Lightoller für 30 Minuten ab, damit Lightoller zum Dinner gehen kann. Gegen 19:15 Uhr kommt der Lampentrimmer Hemming auf die Brücke, um Mledung zu machen. Als er wieder geht, ruft Murdoch ihn zurück und weist ihn an, das vordere Kohlenluk zu schließen, „denn es kommt ein Lichtschein von dort und wir sind in der Nähe von Eis und ich will, dass vor der Brücke alles dunkel ist.“ [8] War auch das nur ein Scherz? Oder wusste Murdoch etwas, was den anderen, die die Nacht überlebten, verborgen geblieben war?
Denn es ist ebenfalls Murdoch, der um 19:30 Uhr zu Lightoller sagt, dass die Temperatur in den 30 Minuten, die der 2. Offizier von der Brücke fort war, um 4 Grad Fahrenheit (in diesem Fall etwa 2° Celsius) gefallen ist. Lightoller sagte später aus, dass Temperaturstürze auf dem Nordatlantik nichts Ungewöhnliches seien und zu jeder Jahreszeit geschehen könnten – ein Indikator für Eis seien diese Temperaturstürze auf keinen Fall gewesen.
Für Lightoller also anscheinend nichts Besonderes, war dieser Temperatursturz für Murdoch, der kurz zuvor das vordere Kohlenluk wegen der Nähe zum Eis hatte schließen lassen, erwähnenwert genug. War Murdoch womöglich sensibler als die anderen Offiziere? Sah er Dinge, die anderen verborgen geblieben waren? War es vielleicht einfach nur ein Scherz, wie die Anweisung im Ausguck, Ausschau nach Treibeis zu halten? Oder gab es nach den Eiswarnngen des Tages (Caronia und die zweite der Baltic [9] sind hier besonders zu nennen) doch ein Bewusstsein dafür, dass die Titanic nachts in die Nähe von Eis oder sogar ins Eis geraten könne?

21:00 – 22:00 Uhr

Der dienstältere Offizier der Wache ist der 2. Offizier Charles Herbert Lightoller. Die dienstjüngeren Offiziere sind der 4. Offizier Boxhall und der 6. Offizier Moody, deren Wache um 20 Uhr begann. Ebenfalls um 20 Uhr war Wachwechsel bei den Quartermastern gewesen – in dieser Wache waren Rowe am Heck sowie Olliver und Hichens auf der Brücke. Die ersten zwei Stunden war Olliver Rudergänger und Hichens Stand-by, nach zwei Stunden sollte gewechselt werden. Der Stand-by Quartermaster hielt sich für Botengänge bereit und war auch dafür verantwortlich, den Offizier, der um 22 Uhr Lightoller ablösen sollte, etwa 20 Minuten vor dem Wachwechsel zu informieren.
Im Krähennest waren seit 20 Uhr Symons und Jewell die Ausguckleute, sie sollten um 22 Uhr abgelöst werden.
Die Nacht war mondlos aber sternenklar und windstill. Zudem bemerkte Lightoller, dass die See absolut ruhig war. Und die Temperatur fiel weiter – bis auf den Gefrierpunkt. Deswegen warnte Lightoller den Maschinenraum und wies den Zimmermann darauf hin, auf die Frischwassertanks zu achten.
Gegen 21:30 Uhr schärfte Lightoller dem Ausguck nochmals ein, nach Eis Ausschau zu halten – und außerdem befahl er, ganz besonders auf kleinere Eisberge, „Kälber“ oder „Growler“ genannt, zu achten. 21:30 Uhr war auch die Uhrzeit, die Lightoller nach eigenen Angaben in einer überschlägigen Rechnung als den Zeitpunkt ermittelt hatte, an dem die Titanic den Längengrad erreichen sollte, der als östlichste Grenze des von der Caronia gemeldeten Eises angegeben war. Außerdem hielt Lightoller während der letzten halben Stunde selbst Ausschau nach Eis [10]. Stand seine Anweisung an den Ausguck möglicherweise damit in Verbindung, dass Lightoller bereits Eis, möglicherweise einen dieser kleinen Eisberge, gesehen und der Ausguck keine Meldung gemacht hatte?
Und außerdem kam der Kapitän während dieser letzten Stunde der Wache des 2. Offiziers auf die Brücke. Aber wann? Und wie lange blieb er?

Lightoller und Boxhall behaupteten beide, dass der Kapitän gegen 21 Uhr auf die Brücke kam. Zu dem Zeitpunkt war Smith aber nach Aussagen von Passagieren noch im Restaurant, das er zwischen 21:25 und 21:45 oder aber vor 22 Uhr verließ.
Da Lightoller ermittelt hatte, dass ab 21:30 Uhr die Längengrade erreicht wurden, die in der Eiswarnung der Caroniia genannt waren, stellt sich die Frage, ob auch Kapitän Smith zu diesem Schluss kommen konnte und gekommen ist. Dann wäre es sinnvoll gewesen, dass der Kapitän um 21:30 Uhr auf die Brücke kommt, um sich selbst einen Eindruck von der Lage zu verschaffen, und damit wären dann die Zeitangaben der Passagiere die zuverlässigeren.
Es gibt noch weitere Indizien dafür, dass Lightoller in seiner Aussage die Ankunft des Kapitäns zeitlich verlegt hat; die Aufarbeitung dieser Indizien würde an dieser Stelle jedoch den Rahmen sprengen [11].

Viel spannender ist nun die Frage: Wie lange blieb der Kapitän auf der Brücke?
Lightoller sagte aus, dass der Kapitän eine halbe Stunde blieb. Laut Lightoller sprach der Kapitän mit ihm über die Wetterbedingungen. Und hier gibt es einen interessanten Punkt: Denn obwohl Lightoller vor den Untersuchungsausschüssen behauptete, niemand auf der Titanic hätte gewusst, dass die See absolut ruhig war, will er doch genau diese Tatsache im Gespräch mit dem Kapitän erwähnt haben. Laut Lightoller bedauerten beide, dass die See absolut ruhig sei, wodurch sich keine Wellen am Fuß des Eisbergs brachen, was Sichtung von diesen für Schiffe gefährlichen Objekten erschwerte. Das führte dazu, dass Lord Mersey in der Diskussion mit Attorney-General zum Abschluss des britischen Untersuchungsausschusses unterstellte, diese Unterhaltung zwischen dem Kapitän und dem 2. Offizier sei von Lightoller erfunden worden, denn sie ließ die Sache für die White Star Line schlecht aussehen. Nach Lord Merseys Meinung würde durch dieses Gespräch klar werden, dass die Schiffsführung der Titanic von den widrigen Umständen wusste, deren Unkenntnis sie an anderer Stelle für sich geltend gemacht hatte [12, 13]
Wenn dieses Gespräch wie von Lightoller erwähnt trotz Merseys Zweifel am Wahrheitsgehalt stattgefunden hat: Kann dieses Gespräch etwa 30 Minuten gedauert haben? Nach Ende des Gesprächs soll nach Lightollers Aussage der Kapitän die Brücke mit den Worten: „Wenn es in irgendeiner Form zweifelhaft wird, informieren Sie mich sofort. Ich bin mal eben drinnen.“ verlassen haben. Lightoller wurde um 22 Uhr abgelöst und sagte aus, dass er bis 22 Uhr den Kapitän nicht mehr auf der Brücke gesehen hat. Heißt das auch, dass der Kapitän nach 22 Uhr nicht mehr auf die Brücke gekommen ist? Besteht die Möglichkeit, dass der Kapitän ungesehen von Lightoller wieder auf die Brücke gekommen ist, so wie ja auch von Lightoller ungesehene Eiswarnungen offenbar die Schiffsführung der Titanic erreicht haben? [14]
Natürlich kann Kapitän Smith nach Ende des Gesprächs mit Lightoller nach drinnen gegangen sein und erst nach Lightollers Ablösung um 22 Uhr auf die äußere Brücke zurückgekehrt sein – dann hat Lightoller den Kapitän natürlich nicht mehr gesehen.
Und interessanterweise ist es der 4. Offizier Boxhall, der aussagt: „Ich sah ihn [den Kapitän] häufig während der Wache [am 14. April von 20 Uhr bis zur Kollision].“ [15] „… doch von 21 Uhr bis zur Kollision war Kapitän Smith die ganze Zeit über zugegen.“ [16]
Noch mal zur Erinnerung: Lightoller verließ die Brücke kurz nach 22 Uhr, Boxhall hatte Wache von 20 Uhr bis Mitternacht, wobei wegen der Kollision eine Ablösung nicht mehr erfolgte.

Eine Frage, die diese Problematik aus einer anderen Perspektive aufgreift: Hätte es denn einen Anlass für Kapitän Smith gegeben, auf der Brücke zu sein?
HIer fallen wieder die Eiswarnungen ins Auge, von denen zu jenem Zeitpunkt besonders die Meldungen der Caronia und die zweite der Baltic deutlich machen, dass Eis in der Nähe vom Kurs oder sogar auf dem Kurs zu erwarten war [17]. Und Kapitän Smith schien für die Nachtstunden nicht völlig auszuschließen, dass Eis im Kurs sein könnte, da er im Nachtwachenbuch den Befehl erteilte, auf Eis zu achten.
Weitere Hinweise darauf, dass die Eisgefahr auf der Brücke bekannt war und damit die Reedereianweisung greifen könnte, nach der der Kapitän sich bei schwierigen Bedingungen seiner Verantwortung auf der Brücke zu stellen hatte:
Um 19:15 Uhr hatte Murdoch die Erwartung geäußert, dass die Titanic in der Nähe von Eis sei (s. o.), Lightoller wies um 21:30 Uhr den Ausguck an, dass sie auf Eis und besonders auf die kleineren Eisberge achten sollten. Um 22 Uhr, als Murdoch Lightoller ablöste, gab Lightoller ihm zu verstehen, dass die Titanic jetzt im Eis sei [18] – wenn also den beiden Offizieren klar war, wo sich die Titanic und wo sich das Eis befand: Sollte diese Erkenntnis dem Kapitän verborgen geblieben sein? Warum aber dann die Anweisung im Nachtwachenbuch? Und warum das (angebliche?) Gespräch mit Lightoller darüber, wie man Eis erkennen konnte?
Ab etwa 21:30 Uhr erwartete Lightoller die Titanic in der Eisregion. Und in dem Moment verlässt der Kapitän die Brücke? Oder, wenn er später gekommen ist: Er schaut sich das alles kurz an und geht dann? Überlässt den Offizieren das Kommando und damit sein Schiff? – An dieser Stelle sei der Blick auf andere Schiffe in jener Zeit gestattet. Wie wurden solche Situationen eigentlich dort gehandhabt? Gibt es Belege oder gar Beweise, die noch vor Bekanntwerden des Untergangs der Titanic entstanden sind? [19]
Als die Carpathia der Titanic zu Hilfe eilte, stand Kapitän Rostron auf der Brücke! Er hatte sich schon schlafen gelegt, wurde wegen des Notrufs geweckt, setzte den Kurs ab – und blieb auf der Brücke. Warum hat er sich nicht wieder schlafen gelegt mit der Anweisung an seine Offiziere, ihn zu wecken, wenn die Titanic in Sicht sei oder irgendwas anderes Außergewöhnliches anliegt?
Auf der Californian war Kapitän Lord abends auf der Brücke, als er wegen der empfangenen Eiswarnungen wusste, dass sein Schiff auf ein Eisfeld zufuhr. Er bliebt auf der Brücke, bis die Californian wegen Erreichen des Eisfelds stoppte.
Die Carmania erreichte New York am 14. April 1912. Die erste Morgenausgabe der New York Times hatte als Titelstory die Geschichte der Carmania, wie sie sich durch das Eisfeld gekämpft hat – bei Tageslicht. Und: Ihr Kapitän war die ganze Zeit auf der Brücke.
Es gibt weitere Berichte von Schiffen, auf denen der Kapitän auf der Brücke war, als das Schiff durch ein Eisfeld oder auch nur darauf zu fuhr. – Wenn Kapitän Smith auf der Titanic in so einer Situation nicht auf der Brücke war, dann sieht es so aus, als wäre die Titanic ein Sonderfall gewesen. Oder war der Kapitän eben doch bis zur Kollision auf der Brücke, nachdem er das Restaurant verlassen hatte? Boxhalls Aussage spricht für die Annahme, dass Edward John Smith ungefähr mit Erreichen der Eiszone auf die Brücke kam und dann auch dort geblieben ist, selbst wenn er aus Lightollers Nähe/Sichtweite verschwand.

22 Uhr – 23:40 Uhr

Um 22 Uhr ist Wachwechsel – Fleet und Lee lösen Symons und Jewell im Ausguck ab. Hichens und Olliver tauschen ihre Rollen, d. h. Hichens ist nun der Rudergänger. Und Murdoch kommt auf die Brücke, um Lightoller abzulösen.
Lightoller sagt Murdoch, dass sie nun im Eis seien. Aber Lightoller erwähnt offenbar nicht die Anweisung des Kapitäns zur Geschwindigkeit – nämlich dass sie diese reduzieren müssen, sobald sich die Sicht eintrübt. Schusseligkeit von Lightoller? Oder wusste der 2. Offizier, dass der Kapitän noch wieder auf die Brücke zurückkehren würde? War der Kapitän möglicherweise auf der anderen Seite der Brücke, während Lightoller und Murdoch den Wachwechsel vollzogen?
Lightoller verlässt die Brücke einige Minuten nach zehn Uhr, macht einen Kontrollgang und zieht sich dann in seine Kabine zurück. Damit sollte klar sein, dass Lightoller nun kein Zeuge mehr für die Vorgänge auf der Brücke sein kann, weil er diesen Ort für immer verlassen hat. Anwesend sind Hichens am Ruder sowie Boxhall und Moody und vielleicht auch Olliver als Stand-by Quartermaster. Weder Hichens noch Olliver sind von den mir bekannten Untersuchungsausschüssen befragt worden, was von 22 Uhr bis zur Kollision auf der Brücke geschah. Murdoch und Moody haben nicht überlebt. Fleet und Lee im Ausguck waren ebensowenig wie Rowe am Heck oder Lightoller, Pitman  und Lowe in ihren Kabinen in der Lage auszusagen, was von 22 Uhr bis zur Kollision auf der Brücke vor sich ging. Daraus zu schließen, dass nichts Aufregendes geschah, ist vielleicht etwas voreilig.
Denn im Rettungsboot beklagte sich Fleet, dass er die Brücke drei Mal vor Eis gewarnt hätte und nichts unternommen worden sei – zwar sagte Fleet dazu später nichts mehr, aber Major Arthur Peuchen erwähnte es vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss. Es war auch Peuchen, der vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss davon berichtete, dass Hichens nicht wusste, welcher Offizier zum Zeitpunkt der Kollision Wache hatte.
Und es bleibt noch der 4. Offizier Boxhall als Zeuge für die Vorgänge auf der Brücke – allerdings sagte er aus, dass er auf der Brücke war oder aber die größte Zeit seiner Wache im Kartenraum, d. h. er hat seine Aussage korrigiert bzw. angepasst. Wo auch immer Boxhall nun war, er sagt an diversen Stellen aus, dass der Kapitän während der Wache bis zum Zeitpunkt der Kollision auf der Brücke war (s. o.) und dann gibt es noch diese Aussage von Boxhall vor dem britischen Untersuchungsausschuss:
15512: Sie [Murdoch und Smith] waren bis zu der Zeit [als Murdoch nach der Kollision Smith und Boxhall den Eisberg zeigte] nicht in dem erleuchteten Kartenraum gewesen? – Nicht dass ich wüsste. Soweit ich weiß waren Mr. Murdoch und Kapitän Smith auf der Brücke, als ich dort hin ging.
Auch hier also wieder ein Hinweis darauf, dass Smith bereits auf der Brücke war, als Boxhall mit der Kollision oder direkt danach (das variiert in seinen Aussagen) auf die Brücke kommt.
Der Hinweis auf die Beleuchtung in den Innenräumen ist insofern wichtig, denn wenn Kapitän Smith wirklich erst nach der Kollision aus seiner Kammer auf die Brücke gekommen ist, dann wird auch er erstmal mit „Blindheit“ geschlagen gewesen sein, wo wie Boxhall und auch Murdoch, als er Lightoller um 22 Uhr ablöste, das die Innenräume bzw. Gänge der Offiziersquartiere auf der Titanic nachts über eine Beleuchtung verfügten, die auch genutzt wurde. Die Tatsache, dass Smith offenbar in der Dunkelheit der äußeren Brücke sofort den Überblick hatte, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er schon länger dort war und nicht erst von der Kollision dorthin gerufen wurde.

Mit dem Kapitän auch schon vor der Kollision und damit auch beim Ausweichmanöver auf der Brücke, verändert sich aber eine Sache entscheidend:
Mit dem Kapitän auf der Brücke steht dieser auch in der Verantwortung für alle Befehle, die gegeben werden. Der 1. Offizier ist zwar weiterhin auf Wache, aber er ist eigentlich nur ein weiterer Ausguck auf der Brücke. Seine Aufgabe, als Stellvertreter der Kapitäns zu agieren und in dessen Abwesenheit Befehle zu geben und ggf. Notfallmanöver zu fahren, entfällt in dem Moment, wo der Kapitän höchstpersönlich anwesend ist.
Und es sei noch mal daran erinnert, dass Kapitän Smith einen sehr guten Grund hatte, ab etwa 21:30 Uhr bis ca. 1 Uhr nachts auf der Brücke zu sein: Die Titanic war in der Nähe von Eis oder sogar im Eis (wie Lightoller Murdoch zu verstehen gegeben haben will). Der 4. Offizier Boxhall, der von 20 Uhr bis zum Zeitpunkt der Kollision Wache hatte und sich je nach Aussage entweder überwiegend auf der Brücke oder aber im Kartenraum aufhielt, bestätigt an mehreren Stellen in seinen Aussagen, dass der Kapitän auf der Brücke war.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Smith sich kurz vor der Kollision von der Brücke entfernte – und es wäre auch wenig sinnvoll, da die Titanic ja immer noch in der Nähe von Eis oder im Eis war, die Lage sich also noch nicht wesentlich geändert hatte.
Nimmt man nun noch die Beschreibungen von Zeugen, die das Eisfeld selbst gesehen haben, hinzu, dann wird es sogar wahrscheinlich, dass bereits vor der Kollision Eis und Eisberge gesichtet wurden, denen allerdings erfolgreich und rechtzeitig ohne „harte“ Manöver und damit unspürbar für die Passagiere ausgewichen werden konnte. Das war dann auch eine Bestätigung der Annahme der Schiffsführung, dass auch unter den gegebenen Bedingungen – kein Mond, kein Wind, keine Dünung – ein unbeleuchtetes Hindernis im Kurs rechtzeitig genug zum Ausweichen entdeckt werden konnte.
Und: Andere Kapitäne auf anderen Schiffen in jenem Seegebiet zu jener Zeit waren auch auf der Brücke. Warum sollte Kapitän Smith die große Ausnahme gewesen sein?

Oder war die Titanic ein Schiff der Ausnahmen? Denn das ergibt sich aus Teilen oder sogar allen Punkten des „Ausnahme-Szenarios“:

Wie realistisch das „Ausnahme-Szenario“ ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Und wer das „Ausnahme-Szenario“ akzeptiert, muss sich dann fragen, von welchem Schiff Boxhall in seiner Aussage berichtet und wie vertrauenswürdig Boxhalls Aussagen sind.

[7] britischer Untersuchungsausschuss 17536 – 17550
[8] britischer Untersuchungsausschuss 17707 und 17772
[9] Da die Eiswarnung sehr unbekannt ist, hier der Wortlaut gemäß Aussage von Kapitän Ranson von der Baltic vor dem britischen Untersuchungsausschuss: „Am Sonntag, den 14. April, erhielten wir per Funk von zahlreichen Dampfern Meldungen, dass sie auf dem auswärtigen Südkurs Eis und Eisberge in Positionen zwischen 49° 9′ und 50° 20′ westlicher Länge passiert haben.“ [24963]
[10] britischer Untersuchungsausschuss, 13676 – 13687
[11] Aufarbeitung der Indizien: Susanne Störmer (2007), Dampfer Titanic: Eisberg voraus„, Norderstedt: Books on Demand
[12] britischer Untersuchungsausschuss 13615 und 34. Tag, Plädoyer des Attorney-Generals.
[13] Wer mag, kann hier auch eine klare Tendenz Lord Merseys hinein interpretieren, die White Star Line und auch die Schiffsführung der Titanic von jeglicher Schuld am und damit auch Verantwortung für das Unglück frei zu halten.
[14] Für eine Herleitung für alle Eiswarnungen verweise ich ein weiteres Mal auf mein Buch „Dampfer Titanic: Eisberg voraus“
[15] amerikanischer Untersuchungsausschuss
[16] britischer Untersuchungsausschuss 16925
[17] Die Eiswarnung der Mesaba hat laut Lightoller die Brücke während seiner Wache nicht erreicht. Wenn der Zeitunterschied zwischen Schiffszeit und EST da noch 2h 20 Minuten betrug, dann traf diese Eiswarnung auch erst nach 22 Uhr Bordzeit auf der Titanic ein und damit nach der Ablösung Lightollers. – Die Eiswarnung der Mesaba beschreibt deutlich die dramatische Eissituation in jenem Seegebiet, und der Kurs der Titanic führte mitten durch. Unabhägig davon, ob diese Eiswarnung nun Kapitän und Offizieren bekannt war: Das Eis war auf jeden Fall da.
[18] Britischer Untersuchungsausschuss 13707, 13710, 13714
[19] Bei Aussagen zu generellen Praktiken auf Schiffen vor den Untersuchungsausschüssen kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass die anderen Kapitäne Smith von der Titanic helfen wollten. Schließlich galt er als eine der Gallionsfiguren dieses Berufsstands, und die Titanic war das größte Schiff der Welt. – Was wäre passiert, wenn die Untersuchungsausschüsse zu dem Urteil gekommen wären, die olympische Klasse sei zu groß, um noch von Menschen beherrscht zu werden?