Die vergessene New York Times vom 15. April 1912
von Günter Bäbler
Anmerkung: Dieser Artikel basiert auf neuen Recherchen mit dem Ergebnis, dass sich die Lokalzeit in New York und auf der TITANIC um 1 Stunde 33 Minuten unterschied, nicht wie oft angenommen 1 Stunde 50 Minuten. Da aber die Zeitunterschiede nicht Gegenstand dieses Artikels sind, verweise ich auf den entsprechenden Artikel in dieser TITANIC Post (Seite 35).
Eher zufällig kam ich in den Besitz einer alten Zeitung. Normalerweise kaufe ich keine alten Zeitungen mehr, aber bei der New York Times machte ich eine Ausnahme, sie war damals – obwohl
sie schwere Zeiten durchmachte – die US-Zeitung schlechthin. Die New York Times vom 15. April 1912 ist etwas ganz Besonderes für Titanicer. Aber Einiges darin stimmte nicht mit der bekannten
Geschichte überein. Ich machte mich auf die Suche einer Antwort auf die Frage: Wie erfuhr 1912 die Öffentlichkeit erstmals vom Zusammenstoss der Titanic mit einem Eisberg? Die faszinierende
Antwort: Verantwortlich für die erste gedruckte Meldung waren 18.000 Kisten Äpfel. Dazu kommt die unglaubliche Erkenntnis, dass die Zeitung bereits während dem Untergang gedruckt wurde …
Die berühmteste Titanic-Ausgabe der New York Times stammt vom nächsten Tag, dem 16. April 1912 und ist bekannt als Nachdruck, in Form von Postern, Postkarten oder Puzzles. Bis heute ist man bei der New York Times (NYT) stolz auf diesen Titel, man betrachtet dieses «journalistische Meisterstück» als grössten Wurf des legendären Redaktors Carr Van Anda (1864 – 1945).
Die New York Times gilt als die Zeitung, die am 15. April 1912 als erste das Schicksal der Titanic beim Namen genannt hat mit der Schlagzeile:
NEUER LINER TITANIC KOLLIDIERT MIT EISBERG; SINKT ÜBER BUG UM MITTERNACHT; FRAUEN AUSGESETZT IN RETTUNGSBOOTEN; LETZTES TELEGRAMM UM 0.27 VERSTÜMMELT
So deutlich war die Schlagzeile zwar nicht, aber immerhin ließ sie den Schluss zu, dass die Titanic gesunken sein könnte. Dies unterschied sie von anderen Zeitungen, aber auch die NYT schrieb nicht, dass die Titanic gesunken sei. Die Überschrift und die nachfolgende Story nahmen drei von sieben Spalten der Titelseite ein und verschafften der Zeitung den Ruf, immer ein bisschen schneller und näher an der Wahrheit zu sein. Selbst die Story, wie es zu der Schlagzeile kam, ließ sich vermarkten, ja, sie wurde gar zur Legende. Nachfolgend zusammengefasst, was in «The Story of
The New York Times, 1851-1951» von Meyer Berger nachgelesen werden kann:
In der Nacht auf den 15. April 1912 ratterten die Druckmaschinen mit der Erstausgabe im Keller des NYT-Gebäudes am Times Square in Manhattan. In der Redaktion, die sich zwischen Broadway und 7th Avenue und zwischen der 42nd und 43rd Street befand, war Ruhe eingekehrt. Im 18. Stockwerk befand sich die Funkstation. Eingegangene Meldungen wurden in einem Holzbehälter an einem Seil durch einen Metallschacht in die ein Stockwerk tiefer liegende Redaktion hinuntergelassen. Bei wichtigen Meldungen zog der Funker am Seil, um mittels Lärm im Schacht auf die Dringlichkeit hinzuweisen. Um 01.20 Uhr schepperte es heftig. Der Kopierjunge Eddie Steward brachte eine Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) dem Redaktionsassistenten Jack
Paine, der mit dem Zettel ins Büro des Chefredaktors Carr Van Anda hastete. Die Nachricht: Cape Race, Neufundland, Sonntagnacht, 14. April (AP) – Um 22.25 Uhr heute Nacht funkte der White Star Line Dampfer Titanic „CQD“ zur hiesigen Marconi Station und meldete, einen Eisberg getroffen zu haben. Der Dampfer sagte, dass sofortige Hilfe benötigt werde.
Van Anda setzte alle Hebel in Bewegung, um die Zeitung im Druck zu stoppen und um mehr zu erfahren. Er telefonierte ohne grossen Erfolg mit der White Star Niederlassung in New York. In „The Sunday Times“ vom Vortag gab es auf Seite 6 ein Foto der Titanic, das er nun auf die Titelseite der Montagsausgabe pflanzte. Um 03.30 Uhr schloss die Redaktion und schickte die endgültige Fassung mit der bekannten Schlagzeile in Druck.
Soweit die allgemein akzeptierte Geschichte. Aber die neuentdeckte Ausgabe unterscheidet sich sehr von den bekannten Ausgaben, die man weltweit in unzähligen Bibliotheken nachlesen kann. Nicht dass in der Zeitung mehr drin stehen würde, im Gegenteil, es ist viel weniger!
In der Zeitung fehlt die vertraute Überschrift über drei Spalten, das zweispaltige Bild fehlt ebenso. Stattdessen findet man oben in der sechsten Spalte einen kleinen Artikel:
TITANIC AUF EISBERG GESTOSSEN?
Montreal hört von einem Unfall des neuen White Star Liners.
MONTREAL, 14. April. – Der neue White Star Liner TITANIC meldet laut Berichten, die hier heute Nacht spät empfangen wurden, auf einen Eisberg gestossen zu sein. Der White Star Liner TITANIC, das grösste Schiff der Welt, welches für Mittwoch in New York er wartet wurde, könnte einen Tag früher als geplant ankommen, gemäss drahtlosen Marconi-Nachrichten, die gestern eingingen. Der neue Liner war gestern Morgen um 2.15 Uhr 1284 Meilen östlich von Sandy Hook. Sollte sie begünstigt vom guten Wetter und mit gleichbleibender Geschwindigkeit wie bis zum Zeitpunkt als die Meldung weiter geleitet wurde weiterfahren, sollte die TITANIC New York rechtzeitig erreichen, um morgen am späten Nachmittag festzumachen.
Neben dem Titel und Untertitel reichte es gerade für einen Satz über die Kollision mit einem Eisberg. Stimmt die Geschichte von Carr Van Anda, dann musste diese Zeitung lange vor 03.30 Uhr gedruckt worden sein. Auf der legendären Frontseite der NYT mit dem dreispaltigen Titanic-Special findet sich der Satz von der angeblichen Eisberg-Kollision ganz unscheinbar am Ende des Artikels, zu viele Meldungen waren vor der Drucklegung der bekannten Ausgabe eingegangen.

Zeitungsbericht Sammlung Bäbler
Nehmen wir die Meldung unter die Lupe. Ein einziger Satz erwähnt die Kollision, was ein eindeutiges Indiz dafür ist, dass es sich um die erste und einzige Meldung handelt, die der NYT vorlag. Zudem muss sie in grösster Eile in die Zeitung gesetzt worden sein, es fehlt der Kommentar eines Redaktors, nur die nackte Meldung.
Was sagt uns die Meldung noch? Das Datum „14. April“ lässt den Titanicer erschaudern. Die Depesche wurde am 14. April in Montreal verfasst. Die Lokalzeit in Montreal und New York war 1h 33min hinter der Titanic-Zeit. Die Titanic verschwand also am 15. April 1912 um etwa 00.47 Uhr New Yorker Zeit von der Meeresoberfläche. Da die Depesche aus Montreal mit dem 14. April datiert ist, wurde sie vor dem Untergang verfasst. (Nachfolgende Zeitangaben entsprechen New Yorker Lokalzeit.)
Links vom Datum auf der Titelseite setzte die NYT kleine Sterne, um die verschiedenen Ausgaben auseinander halten zu können. Die allgemein bekannte Version vom 15. April 1912 trägt vier Sterne. Die oben zitierte Zeitung kommt ohne Sterne aus und ist somit entweder der Andruck oder die Erstausgabe. In jenen Tagen ging die erste Ausgabe der NYT um 00.30 Uhr in Druck, also zu einem Zeitpunkt, als die letzten Boote noch an Bord der Titanic waren. Somit dürften die ersten Exemplare der NYT – so unglaublich es klingt – gedruckt worden sein, als erst wenige Menschenleben zu beklagen waren, bevor die Katastrophe in ihre Endphase ging.
Wie viele Kopien von der Erstausgabe gedruckt wurden, ist nicht mehr in Erfahrung zu bringen, im Archiv der New York Times finden sich keine Hinweise darauf, auch dort ist die Erstausgabe unbekannt. Man darf aber davon ausgehen, dass normalerweise die ersten Kopien sofort in andere Städte und Vororte verschickt wurden, um dort trotz des Transportweges frühmorgens verkauft werden zu können. Somit bekamen die New Yorker die Erstausgabe wohl nie zu Gesicht. Man kann auch vermuten, dass diese Erstausgabe vom 15. April 1912 offiziell das NYT-Gebäude nie verliess. Van Anda könnte nicht nur die Maschinen, sondern auch die Auslieferung gestoppt haben. Vielleicht riskierte er, dass an dem Tag die NYT später als sonst, dafür mit einer Top-Story erschien. Somit könnte diese Erstausgabe eine einsame Überlebende des Schredders sein.
Van Anda sagte später, dass er etwa um 22 Uhr auf die Redaktion kam. Die Titanic kollidierte um etwa 22.07 Uhr mit dem Eisberg. Cap Race (Funkstation an der Südostspitze von Neufundland) schnappte den Hilferuf um 22.25 Uhr auf. Laut NYT traf aber das Cape Race-Telegramm erst um 01.20 Uhr in New York ein. Das bedeutet, dass die Meldung von Cape Race bis zur NYT (via Associated Press) 2h 55min brauchte, was für eine solch dringliche Meldung sehr lange erscheint. Was später als Triumph dargestellt wurde, war eigentlich eine recht erbärmliche Leistung. Da erstaunt es nicht, dass andere Meldungen, wie zum Beispiel die aus Montreal, schneller waren.
Warum aber verschwiegen die NYT und Van Anda später, dass sie eigentlich noch viel schneller waren, als sie selber behaupteten? Immerhin druckte die NYT bereits seit 50 Minuten Zeitungen mit Erwähnung der Eisbergkollision, als man angeblich das erste Mal davon hörte. War Van Anda beim Eintreffen der wirklich ersten Meldung aus Montreal vielleicht gar nicht zugegen? Wollte er die Story später einfach sein Eigen nennen?
Möglicherweise reagierte ein anderer Redaktor, der Dienst hatte, so schnell. Nichtsahnend vom Ausmass der Eisbergkollision betrachtete er vielleicht die Depesche wohl als nicht so dringend, um sie Van Anda vorzulegen und setzte sie passend zur Meldung der frühen Ankunft der Titanic hinzu. Damals druckte die NYT die aktuellsten Schifffahrts-News wie zum Beispiel die verfrühte Ankunft der Titanic ohnehin auf die Frontseite. Warum also nicht die beiden Titanic-Meldungen verknüpfen?
Dafür spricht ein anderer Artikel auf der Titelseite der NYT. Probleme von Dampfern mit Eisbergen waren in jenem April alles andere als aussergewöhnlich. Zu diesem Zeitpunkt war die Titanic nur ein weiteres Schiff, das wegen Eis in Schwierigkeiten geraten sein könnte. (Die Übersetzung dieses bedeutenden Artikels auf der Titelseite derselben Ausgabe der NYT findet sich im Anschluss an diesen Artikel. Bemerkenswert ist, dass der Artikel trotz den saloppen Worten von Kapitän Dow unverändert abgedruckt wurde, allerdings musste er wegen der Titanic auf Seite 2 der endgültigen Ausgabe weichen.)
Um etwa 22.30 Uhr an jenem Abend wollte der Verkehrsmanager George Hannah am Hauptsitz der Allan Steamship Company in Montreal Feierabend machen, als sich nochmals eines seiner Schiffe meldete. Es war die Virginian, die Halifax am 13. April um 21.20 Uhr in Richtung Liverpool verlassen hatte. Das Schiff schickte die Meldung an das Hauptquartier und fragte, ob sie der Titanic helfen dürfe, diese sei mit einem Eisberg zusammengestossen. Hintergrund der Frage: Die Virginian hatte 18.000 Kisten Äpfel geladen und Kapitän J. T. Gambell wollte der verderblichen Ware wegen nicht ohne Unterstützung der Reederei den Kurs ändern. Hannah dachte, dies könnte seinen Freund Edward Stranger interessieren, der als Marine-Reporter für die Montreal Gazette arbeitete. Also rief Hannah Stranger herbei, der in der nahegelegenen Redaktion der Gazette noch am Arbeiten war. Stranger war somit der erste Journalist, der rund 30 Minuten nach der Kollision der Titanic mit dem Eisberg von dem Zwischenfall erfuhr. Die Montreal Gazette hatte damals einen gegenseitigen News-Vertrag mit der NYT. Die beiden Zeitungen tauschten also alle News untereinander aus. Stranger schickte noch am 14. April die Neuigkeit nach New York.

Virginian/Victorian – Sammlung Bäbler
Was mit dieser ersten Nachricht in New York geschah, ist jetzt bekannt – sie wurde sofort abgedruckt und nun erklärt sich auch die Formulierung: „Montreal hört von einem Unfall…“ und „… Titanic meldet laut Berichten, die hier heute Nacht spät empfangen wurden…“
Ein inoffizielles Telegramm, in dem sich ein Kapitän um seine verderbliche Fracht sorgt, durfte nicht überbewertet werden. An so etwas wollte sich niemand die Finger verbrennen. Man formulierte so, als ob es ein Gerücht wäre. Erst im Laufe der Nacht, als weitere Telegramme eintrafen, konnten die Journalisten mit ihren Recherchen beginnen. Was sich die verschiedenen Redaktionen mit
denselben Depeschen zusammenreimten, ist bekannt. Die NYT ging in der endgültigen Ausgabe weiter als andere, etwas vorsichtiger war die Montreal Gazette, sie titelte am 15. April 1912: „TITANIC IN GEFAHR“.
Die New York Times war somit nicht nur die erste Zeitung die, wenn man zwischen den Zeilen las. vom Untergang berichtete. In ihrer vergessenen ersten Ausgabe vom 15. April 1912 druckte sie schon vor dem Untergang wohl zum ersten mal die Worte „TITANIC“ und „Eisberg“ nebeneinander ab, zwei Worte die seither untrennbar miteinander verbunden sind.
Danksagung:
Axel Breest
William Broad, New York Times
Charles Haas, Titanic International
Alan Hustak, Montreal Gazette
Lora Korbut, New York Times
Mandy Le Boutillier
Markus Philipp
Robin Shields, Library of Congress,
Washington
Quellen:
Meyer Berger, The Story of The New York Times, 1851 – 1951, New York, 1951
John Booth & Sean Coughlan, Titanic, Signals of Disaster, Westbury, 1993
Alan Hustak, TITANIC, The Canadian Story, Montreal, 1998
Wyn Craig Wade, The TITANIC, End of a Dream, New York, 1979
Erstveröffentlichung Titanic Post Nr. 42, 2002