Die Nazis und ihr Titanic-Film

Goebbels Version des Untergangs des berühmtesten Schiffes der Welt


von Malte Fiebing-Petersen

Beginnt man von einem Titanic-Film zu sprechen, wird der Zuhörer unserer Tage unweigerlich den aktuellsten Spielfilm aus Hollywood, der am 8. Januar 1998 in die deutschen Kinos kam, vor Augen haben. Der riesige, vor allem kommerzielle Erfolg des Blockbusters hat beim breiten Publikum in Vergessenheit geraten lassen, dass sich James Cameron mit seinem Spielfilm lediglich in eine Liste anderer Regisseure eingereiht hat, die schon kurz nach dem Untergang der Titanic damit begonnen hatten, die wahrlich filmreife Story des bis heute wohl berühmtesten Schiffes der Welt auf die Kinoleinwand zu bringen.

Wir Titanicer wissen natürlich, dass es auch vorher schon einige Filme gab, die sich der Geschichte der Titanic angenommen hatten.

So auch Ende der 1930er Jahre, als bei der Tobis-Filmkunst GmbH in Berlin die Idee aufkam, die Geschichte der Titanic abermals in die Kinosäle zu bringen. Mittlerweile hatte sich die politische Landschaft im Deutschen Reich so entwickelt, dass der kommende dreißigste Jahrestag des Schiffsunterganges 1942 ein geeigneter Anlass gewesen zu sein schien, den die NS-Propagandamaschine nur zu gerne nutzen wollte, ihre antibritischen Parolen in einen anscheinend objektiven Film einzubringen.

Wie seit den Recherchen für das Buch „TITANIC 1943: Die Nazis und das berühmteste Schiff der Welt“ und dem Auffinden des verschollen geglaubten Drehbuchs des Films zweifelsfrei bewiesen werden kann, orientierten sich die Drehbuchautoren am damals im Deutschen Reich weit verbreiteten Roman „Titanic – Tragödie eines Ozeanriesen“ von Josef Pelz von Felinau, das 1936 erstmals erschienen war. Genauer gesagt wurde das Treatment, also die erste Rohfassung, sogar von jenem Autor selbst verfasst.


Filmplakat TITANIC
(Sammlung Malte Fiebing-Petersen)

Warum wollten die Nazis überhaupt einen Titanic-Film?

In der Tat handelt es sich bei der Geschichte der Titanic wohl um einen sehr filmreifen Stoff. Hollywood hätte sich kaum eine dramatischere, traurigere und unfassbarere Katastrophe ausdenken können – und musste es auch nicht. Bereits Ende der 1930er Jahre plante Propagandaminister Goebbels, den Untergang der Titanic als Beweis für britischen Schlendrian auf die Leinwand zu bringen. 1.500 Menschen mussten sterben, nur weil ein risikowütiger Engländer die Sicherheitsvorschriften ignorierte. Das Schiff eignet sich als Kulisse für einen Propagandafilm sehr gut, da der begrenzte Raum für mehr Klarheit sorgt und einen passenden Rahmen für die Vorstellung von Helden und Antihelden bietet. So wird in TITANIC England als korrupte Klassengesellschaft bezeichnet, ein Land in dem Unrecht Recht erhält und Reichtum ein Freischein für gesellschaftliche und juristische Verantwortung ist. Über den letztlichen Grund, warum die Geschichte der Titanic von der Tobis zu Beginn der 1940er Jahre neu verfilmt wurde, lässt sich nur spekulieren. Es wird ein Zusammenspiel aus den vermeintlichen Steilvorlagen für die Goebbelsche Propaganda und eben ein generelles Interesse an der Geschichte des Schiffes gewesen sein. Schließlich hatte Goebbels 1939 von den Filmstudios die Entwicklung antibritischer Stoffe gefordert.


Szenenbild aus TITANIC
(Sammlung Malte Fiebing-Petersen)

Die Handlung des Films

Der Film beginnt im Frühjahr 1912. In der Aufsichtsratssitzung der White Star Line herrscht eine nervöse Stimmung. Der Präsident Sir Bruce Ismay (Ernst F. Fürbringer) gibt Auskunft über die Ursache des bedrohlichen Falls der Aktien der Reederei: Der Bau der Titanic hat hohe Summen verschlungen. Ismay kündigt jedoch einen sensationellen Umschwung an der Börse an und lädt die Mitglieder des Aufsichtsrates zur Teilnahme an der Jungfernfahrt nach Amerika ein. Als das größte Schiff der Welt in See sticht, befinden sich Vertreter der Hocharistokratie und des Geldadels an Bord, die sich mit Spannung diesem großartigen Ereignis angeschlossen haben. Das Zwischendeck des Schiffes wird von Auswanderern und Abenteurern aus allen Ländern Europas bevölkert, die ihr Glück in der „Neuen Welt“ suchen wollen. Im Festsaal sitzt neben Präsident Ismay auch seine schöne Freundin Gloria (Kirsten Heiberg) am Tisch von Kapitän Smith (Otto Wernicke). Als weitere hohe Gäste werden begrüßt: Millionär John Jakob Astor (Karl Schönböck) und seine Geliebte Madeleine (Charlotte Thiele). Astor – so heißt es im Film – sei so reich, dass er Madeleine die Titanic zum Geburtstag schenken könnte. Siegessicher verkündet Ismay stolz: Es sei hinlänglich bekannt, dass die Titanic nach dem Urteil der englischen Fachwelt das sicherste Schiff der Welt sei. Was aber bis dato niemand wisse, sei die Tatsache, dass sie auch das schnellste Schiff der Welt sei, und soeben mit einer Geschwindigkeit von 26,5 Knoten einen neuen Weltrekord aufstelle. Damit sichere sich die Reederei das „Blaue Band“, die Auszeichnung für das schnellste Schiff auf dem Nordatlantik. Das war also die große Überraschung, die Ismay in der Aufsichtsratssitzung angedeutet hatte. Die Rekordfahrt soll die Aktien schnell wieder zum Steigen bringen, und die Finanzen der White Star Line sanieren. Die Ingenieure aber stehen der Rekordjagd bedenklich gegenüber. Die Überbeanspruchung der neuen Maschinen erscheint ihnen verantwortungslos. Doch Befehl ist Befehl. Mit einer hohen Belohung hat Ismay sich den Kapitän gefügig gemacht. Nur Offizier Petersen (Hans Nielsen), der einzige Deutsche auf der Kommandobrücke, kann nicht begreifen, dass sich der Kapitän im Interesse eines Spekulanten über alle Vorschriften der Schifffahrt hinwegsetzt. Aber er ist machtlos und muss gehorchen. Auf dem Schiff befindet sich auch die schöne Baltin Sigrid Olinsky (Sybille Schmitz). Sie gilt als sehr reich. Petersen kennt sie von früheren Fahrten und ist ihr verfallen. Jedoch widersteht er erneut all ihren Prüfungen, die ihm seine Standhaftigkeit und sein Pflichtbewusstsein als Schiffsoffizier auferlegen. Die gute Stimmung bricht ein, als der Reeder in all dem Festtrubel ein Telegramm erhält, das ihn darüber informiert, dass die Aktien weiter fallen. Er sieht seinen völligen Ruin auf sich zukommen. Noch weiß er nicht, dass es Astor ist, der dieses Börsenmanöver lenkt, um sich die Aktienmehrheit der White Star Line zu sichern. Ismay sieht einen Ausweg in der reichen Sigrid und lässt sie, trotz der Anwesenheit Glorias, großes Interesse spüren.  Derweil sinkt Minute um Minute das Thermometer. Die Titanic wird von anderen Schiffen telegraphisch vor Eisbergen gewarnt. Als sich das Schiff in der Treibeiszone befindet, möchte Petersen die Geschwindigkeit reduzieren lassen, doch Ismay setzt seinen Einfluss auf den Kapitän durch und lässt ohne Rücksicht auf die Gefährdung der Menschen mit höchster Fahrt den bisherigen Kurs beibehalten. Petersen versucht noch einmal die Gefahr zu bannen, jedoch stößt er nur auf taube Ohren, denn jeder glaubt an die Unverwundbarkeit des Schiffsriesen. Auch Sigrid verwehrt ihm das Versprechen, ihren Einfluss auf Ismay geltend zu machen. Somit bricht, nicht völlig unerwartet, schließlich die Katastrophe herein. Die Titanic rammt einen Eisberg und das Schiff ist verloren. Wenige Stunden bleiben dem Ozeanriesen. Vor allem jetzt werden die Skrupellosigkeit und die kalte Gewinnsucht der Schiffseigentümer offensichtlich. Neben Rettungsbooten fehlt es auch an Notraketen. An Deck kommt es zu wilden Szenen entfesselter Eifersucht, ratloser Verwirrung und großer Hilflosigkeit. Die Reichen versuchen sich ihr Leben mit Geld zu erkaufen, während das frisch gebackene Paar Anne (Liselott Klingler) und Jan (Sepp Rist) aus dem Zwischendeck geduldig wartet, bis es in ein Rettungsboot gelassen wird. In das letzte Boot wird trotz der Parole „Frauen und Kinder zuerst“ auf Befehl Petersens Ismay selbst aufgenommen, weil der Offizier ihn vor das Seegericht stellen will. Auch Sigrid befindet sich unter den Geretteten, nachdem sie sich aufopfernd an der Bergung von Frauen und Kindern beteiligt hat. Petersen springt mit einem kleinen Kind, das er in einer Kabine fand, über Bord. Nach dem Untergang enthüllen die Verhandlungen vor dem Seegericht die Schuldigen der Katastrophe, bei der auch Petersen und Sigrid als Zeugen auftreten. Doch der Hauptangeklagte, Bruce Ismay, wird freigesprochen.


Szenenbild aus TITANIC
(Sammlung Malte Fiebing-Petersen)

Die schwierigen Dreharbeiten

Im Jahr 1940 kündigte die Tobis für die kommende Verleihsaison zum ersten Mal TITANIC an. Gedreht wurde jedoch noch nicht. Im darauf folgenden Jahr erschien eine neue Ankündigung, die den Film diesmal für die Saison 1941/42 ankündigte. Nach umfangreichen Vorarbeiten fiel am 12.03.1942 die erste Klappe im Jofa-Atelier Johannisthal (im heutigen Berlin) und die Produktion begann mit einem kalkulierten Kostenaufwand von rund drei Millionen Reichsmark. Wie ein Begleitheft der Tobis aus dem Jahr 1942 verrät, war TITANIC ein anspruchsvolles Großprojekt.

Die erste Schwierigkeit der Verfilmung hatte schon in der Findung eines Regisseurs bestanden. Als Herbert Selpin zusagte, hatten zahlreiche andere bereits abgelehnt. Fritz Maurischat, verantwortlich für die Bauten am Set, vermutet in seinen Memoiren, dass sie dem „allzu primitiv angelegten Drehbuch keinen Geschmack abgewinnen konnten.“ Erst nach langen Verhandlungen war Selpin zur Regie bereit. Die Verhandlungen waren nötig geworden, weil er außergewöhnliche produktionstechnische und personelle Forderungen stellte. So lehnte er beispielsweise grundsätzlich ab, Szenen am Tage mit Filter zu drehen, die nachts auf dem Deck spielten, weil er Angst hatte, diese würden im Kino zu wenig realistisch wirken. Im Zeitalter der nächtlichen Luftangriffe auf Deutschland war dies für die Filmschaffenden ein echter Zankapfel. Zudem forderte Selpin ein entsprechend großes Schiff für Außenaufnahmen, was wiederum erhöhte Gefahrenmomente, einen zu erwartenden Mehrbedarf an Personal, Lampen und Strom nach sich ziehen würde. Später sollte sich zeigen, dass die Dreharbeiten an Bord der Cap Arcona in der Tat einen immensen Aufwand darstellten. Das Ausmaß des Filmes war so gewaltig gewesen, dass er mit seinen Anforderungen an Raum, Material und Personal zeitweise andere Produktionen hemmte.

Im Januar 1942 konnte der Arbeitsplan für TITANIC fertig gestellt werden. Geplant waren 87 Drehtage zwischen dem 23. Februar und 14. August 1942 – inklusive sieben Wochen Außenaufnahmen an Bord der Cap Arcona. Teilweise parallel zu den Außenaufnahmen sollten im östlich von Berlin gelegenen Scharmützelsee Szenen mit einem Modell der kreuzenden, später untergehenden Titanic gedreht werden.

Der Plan geriet jedoch nicht unwesentlich in Verzug. Im Juni 1942 war TITANIC gerade einmal zur Hälfte abgedreht. Wichtige Innenaufnahmen und auch Aufnahmen an Bord der Cap Arcona standen noch aus. Für viele Damen war das ehemalige Hamburg-Süd-Schiff mittlerweile zum zweiten Zuhause geworden und es hatte sich die eine oder andere Beziehung zwischen einer Dame vom Dreh und einem Mann von Bord entwickelt. Die Disziplin konnte kaum noch aufrechterhalten werden und in den Drehpausen vertrieben sich die Damen ihre langen Wartezeiten gerne unter Deck in geselliger Männerunde. Natürlich war es viel verlockender unter Deck zu verschwinden, als in luftigen Kleidern in der Nacht und bei Kälte den Kampf um die Rettungsboote simulieren zu müssen. Immer öfter kam es auch zu Zwischenfällen mit den Hauptdarstellerinnen. So ließ sich Schauspielerin Monika Burg einmal von einem U-Boot-Offizier zu einer Tauchfahrt einladen und tauchte unentschuldigt nicht am Set auf. Sybille Schmitz, immerhin die weibliche Hauptdarstellerin, soll sich einen Abend so betrunken haben, dass sie nicht mehr transportfähig war und an Bord blieb, statt in ihr Hotel gebracht zu werden. Als die Dinge drohten völlig aus dem Ruder zu laufen, entschied sich Selpin, die Dreharbeiten auf dem Dampfer frühzeitig zu beenden und nach Berlin zurückzukehren.
Im März 1942 explodierte der in Zeitnot geratene Selpin und soll gesagt haben: „Ach du mit deinen Scheißsoldaten. Du Scheißleutnant, überhaupt mit deiner Scheißwehrmacht!“ Derartige Äußerungen waren in Hitlers Deutschland sehr gefährlich. So wurde er bei Hans Hinkel, Kultursenator und SS-Obergruppenführer, angezeigt. Hinkel war von Amts Wegen verpflichtet war, „politische Entgleisungen“ wie des TITANIC-Regisseurs zu bewerten. Am 30. Juli folgte dann schließlich die Vorladung ins Propagandaministerium. Dieser 30. Juli 1942 sollte Selpins letzter Drehtag gewesen sein. Noch am gleichen Nachmittag fand eine Vorführung bei Josef Goebbels statt. Selpin widerrief seine Aussagen jedoch selbst vor dem Propagandaminister nicht. Bis zur geplanten Verurteilung sollte Selpin im Polizeipräsidium am Alexanderplatz inhaftiert werden.

Was nun folgte, lässt sich nicht genau rekonstruieren, denn die unterschiedlichen Quellen widersprechen sich zum Teil stark. Fest steht, dass Herbert Selpin am 01.08.1942 tot in seiner Zelle gefunden wurde. Die Titanic hatte damit – über 30 Jahre nach ihrem Untergang – ein weiteres Todesopfer gefordert. Anna Selpin war davon überzeugt, dass ihr Mann in der U-Haft ermordet worden war. Eine offizielle Untersuchung konnte keine jedoch Anzeichen eines gewaltsamen Todes von fremder Hand feststellen.

So entstand die offizielle Version der Todesursache: Herbert Selpin hatte sich mit seinen Hosenträgern selbst durch Erhängen das Leben genommen.

Ab dem 7. August 1942 übernahm Werner Klingler die Regie und der Film konnte zügig fertig gestellt werden.

Werbeplakat für TITANIC
(Sammlung Malte Fiebing-Petersen)

Keine offizielle Premiere für TITANIC

Als er für die Premiere bereit war, wurde der vermeintliche Propagandafilm, der bislang aktiv von vielen staatlichen Einrichtungen des NS-Staates unterstützt wurde, jedoch verboten. Eine offizielle Premiere in Deutschland hat es nie gegeben. Die Uraufführung fand im besetzten Frankreich statt. TITANIC wurde zunächst am 30. April 1943 von der so genannten Filmprüfstelle mit dem Vermerk „staatspolitisch wertvoll“ ausgezeichnet; am 5. Dezember 1944 jedoch von der „Reichsfilmintendanz“ auf Veranlassung des Propagandaministers selbst verboten. Zur Deutschlandpremiere kam es erst Jahre später im russischen Sektor von Berlin. Doch auch damit sollte die Geschichte von TITANIC noch nicht vorbei sein…

Weitere Informationen zum Film in dem Buch:

TITANIC (1943): Die Nazis und das berühmteste Schiff der Welt

© Malte Fiebing-Petersen, 2013


Besetzungsliste und Mitwirkende TITANIC von 1943
(Sammlung Malte Fiebing-Petersen)